Schatten seiner Selbst

Vorwort:

Gestern vor einem Jahr trennten sich die Wege des Herrn Wachtmeisters und seiner damaligen Weggefährtin.

Der junge Soldat unterscheidet sehr stark zwischen einer Weggefährtin und einer Freundin.
Eine Weggefährtin begleitet jemanden nur für gewisse Zeit. Nur wenige Monate oder Jahre.
Eine Freundin hingegen durchlebt die Stadien der Verlobten und der Ehefrau.

Obwohl der junge Herr Wachtmeister wusste, dass es nicht für immer sein würde, traf ihn die Trennung härter als von ihm selbst erwartet.

Es war eine schwere Zeit für den trauernden Soldaten, aber es bringt nichts an einer verschlossenen Türe zu klopfen. Für jede Türe die sich schließt, öffnet sich eine andere.

Nun  zur Geschichte:

Es ward zu später Stunde, als der junge Herr Wachtmeister durch die dunklen, nur von dem Lichte seiner Lampe erhellten Gänge der soldatischen Behausung wandelte.
Die versilberte, im Lichte der kupfernen Lampe düster schimmernde Wanduhr schlug Mitternacht.

Von jeder Kraft verlassen, erreichte der erfahrene Unteroffizier die hölzerne Treppe, welche in das obere Geschoss der Baracke führte.

Seine Füße fühlten sich schwer wie Blei an, während der junge Herr Wachtmeister die hölzerne Treppe des Gebäudes empor ging.
Die Eichenholzstufen knarrten trotz des geringen Gewichtes des ermatteten Soldaten.
Die letzten Wochen hatten ihre Spuren am Körper des müden Herrn Wachtmeisters hinterlassen.

Es war ein langer und harter Tag für den erfahrenen Soldaten. Der Dienst begann in den frühen Morgenstunden und endete erst spät in der Nacht.

Das Treppenhaus wurde nur durch die Petroleumlampe in seiner Hand beleuchtet. Die flackernden Schatten tanzten wie wilde Flammen an den Wänden. Der Blick des Unteroffizieres war leer,  ausdruckslos und eisern geradeaus gerichtet. Hätte ihm in diesem Zustand ein Kamerad gegrüßt, wäre diesem vom müden Unteroffizier keine Aufmerksamkeit zuteil geworden.

Als der kraftlose Herr Wachtmeister im oberen Stockwerke der Behausung angekommen war, ging er in Richtung des Waschraumes. Vorsichtig öffnete er die massive Eichentüre und trat ein. So leise es nur irgendwie möglich war, schloss er diese wieder. Er wollte niemanden aus seinen Träumen reißen und die kostbaren Ruhestunden seiner Gefährten nicht noch weiter verkürzen.

Zielstrebig ging er auf das Waschbecken zu.
Die kleine Petroleumlampe stellte der junge Herr Wachtmeister neben sich auf die steinerne Ablage. Aus einen hölzernen Eimer leerte der Soldat ein bisschen Wasser in die Waschschüssel.
Mit beiden Händen wusch er sich gründlich sein Gesicht. Mit einem aus Hanf bestehenden Handtuch trocknete er sich sein Gesicht ab.

Plötzlich schaute er in den Spiegel und seine Augen kreuzten sich mit denen seines Spiegelbildes.
Minuten vergingen, in denen der Unteroffizier sein Antlitz musterte.

Die Falten neben seinen Mundwinkeln und seine Stirnfalten wurden immer tiefer..
Ein zerzauster und ungepflegter Dreitagebart bedeckte seine Wangen und sein Kinn..
Die Augenringe unter beiden Augen waren seine ständigen Begleiter geworden..
Seine blauen Augen waren glasig, blutunterlaufen und tief in den Augenhöhlen verborgen..
Sein Blick war leer..

Er erkannte sein eigenes Antlitz selbst nicht mehr.

Glück empfang der junge Soldat ebenfalls schon lange keines mehr..

Nachdem der junge Soldat sich kultiviert hatte, ging er in sein Gemach. Schnellen Schrittes näherte er sich seiner Liegestatt und nahm darauf Platz. Die kupferne mit Petroleum gefüllte Lampe stellte er auf seinem hölzernen Schreibtische ab. Es wurde dunkler im Zimmer. Das Lampenöl ging allmählich zur Neige.

Der junge Unteroffizier kramte auf seinem Nachttischkästchen herum. Er suchte etwas.
Nach länger andauernder Suche fand der Soldat auch das Objekt seiner Begierde.

Es war ein altes, vergilbtes Bild einer wunderschönen, jungen Frau.
Er hielt es fest mit beiden Händen.

Sie hatte wunderschöne, blaue Augen..
Seidig glattes, schulterlanges Haar..
Sie strahlte Freundlichkeit und Liebe aus..

Der junge Herr Wachtmeister schaute sich die Abbildung genauer an.
Heiße Tränen schossen ihn in seine Augen..
Sie hatte ihm damals gezeigt, dass es mehr gibt als das harte Kasernenleben..
Sie hatte ihm gezeigt, dass das Leben lebenswert ist..
Sie zeigte ihm.. die wahre Liebe..

Der Soldat legte die Fotografie auf seinem Arbeitstische.
Das Licht der Lampe erlosch.

Dunkelheit.

 

Euer Gruppenkommandant