Die Begegnung am Pass

So Gott wollte, wurde auch der junge Wachtmeister an die Grenzen seines ach so geliebten Heimatlandes versetzt. Weit von seiner Stammeinheit und noch weiter von seiner Familie entfernt, war der junge Recke in einem der Landesgrenze nahen und befestigten Feldlager einquartiert. Hier sollte der erfahrene Unteroffizier für einen ungewissen Zeitraum, die exakte Dauer wusste nur Gott, stationiert bleiben und von hier aus sollte der Waffenträger auch seinen Dienst versehen. Dies Dienste verflogen so schnell, wie sie kamen. Einmal in diesem Dienstrad gefangen, glich jeder Tag auf diesem Erdenrund dem anderen und schon bald hatten der junge Soldat und seine Gruppe jegliches Zeitgefühl verloren..
Doch ein Dienst blieb dem jungen und pflichtbewussten Wachtmeister wohl ewig im Gedächtnis. Er werde wohl noch seinen Kindeskindern davon erzählen. Es war ein Tagdienst, so wie jeder andere auch. Dies glaubte der mutige Soldat am Anfang, kurz nach der Dienstübernahme,  noch.

Gerade hatte der junge Wachtmeister das letzte Fuhrwerk durchsucht und das Pferdegespann wieder auf seine weite Handelsreise geschickt, als der aufmerksame Soldat plötzlich hinter sich ein raschelndes Geräusch vernahm.


Schneller als es selbst die stärkste Windböe vermochte, wandte sich der konzentrierte Unteroffizier in Richtung des Geräusches um, um dessen Ursache zu erspähen.
Des Totenstille durchdrang von einem Lidschlag zum Nächsten den Gebirgspass. Nicht einmal der vormals sanfte Wind, welcher das Haupt des anmutig wirkenden Wachtmeister schmeichelte, schien zu wehen und nicht einmal das fröhlich, muntere Gezwitscher der bunten Singvögel war nun zu vernehmen.

Welche dämonischen Mächte hatten sich plötzlich gegen den gläubigen Wachtmeister verschworen? Der Waffenträger ersinnte das schlimmste Übel..
Der kampferprobte Recke arbeitete sich behutsam und in höchster, militärischer Manier hinter die ihm am nächste gelegene Deckungsmöglichkeit.
Als der junge Wachtmeister sich in Deckung befand, glitt seine Hand in Richtung seines hirschledernen Gürtels um nach seiner versilberten Vorderladerpistole zu greifen. Denn, der schartige Dolch, den der nervöse Unteroffizier schon die ganze Zeit seiner Hand hielt, würde ihn hier vermutlich nicht von allzu großem Nutzen sein.
Kampfbereit und fest entschlossen wartete der erfahrene Soldat darauf, dass sich sein Gegenüber endlich zu erkennen gebe. Wie im Banne eines Hexenmeisters starrte der junge Wachtmeister auf die Gebüschzeile von der aus er den Verursacher des Geräusches vermute.

Wie aus heiterem Himmel ersah der erschrockene Unteroffizier ein bräunlich, behaartes, spitz zulaufendes Haupte mit langen, spitzen Lauschern. Aus dem Äser des Tieres ragte ein fast Unterarm langer, roserner Lecker.

Wie gebannt lugte der Waffenbruder hinter seiner Deckung hervor.
Das Getier hatte ihn nicht gewittert. Der junge Soldat stieß erleichtert seinen Odem aus.
Das Tier verhoffte noch einmal kurz bevor es einen weiteren Schritte Richtung Grenzstraße setzte.  Nun war auch der braune Träger und ein Teil des Ziemers zu erkennen.
Ohne Vorwarnung machte das Tier einen gewaltigen Satz nach vorne. Mit diesem eleganten Sprung überquerte es die breite Schotterstraße.

Es hielt in der Bewegung inne und sicherte mit allen Sinnesorganen seine Umwelt. Gespannt wohnte der faszinierte Wachtmeister dem Spektakel weiter bei.
Als plötzlich das Haupt des braunen Getieres sich in Richtung des jungen Soldaten zu wenden begann.  Mit seinen braunen, boshaft leuchtenden Lichtern beglotzte es den sich unwohlfühlenden Wachtmeister.

Als sich die Augen des jungen Soldaten mit den Sehern des Tieres kreuzten, glaubte der Wachtmeister zu sehen, dass sich die Mundwinkel des Getiers zu einem schelmischen Grinsen formten.

Die Panik bekämpfend hielt der Waffenträger dem Blicke des Tieres stand. Sekunden fühlten sich an wie Minuten. Minuten wie Stunden. Stunden wie Tage.
Von einem Moment auf den Nächsten, hatte sich das Getier vom Soldaten abgewandt und verschwand im dichten Unterholz des Forstes.
Immer noch im Banne des Waldbewohners starrte der junge Wachtmeister immer noch an jene Stelle im Gebüsch an dem er die Rehgeiß das letzte Mal gesehen hatte.
Erst als eine Hand seine Schulter berührte, riss es dem verträumten Wachtmeister aus seinem Tagtraume.

Es war die Hand einer seiner Soldaten. Das harte Gesicht seines Waffenbruders wies ein Lächeln auf.  Es war die Ablöse. Wieder war ein Dienst überstanden.

Euer Gruppenkommandant